Für Open Access brauchen die Forschenden auch Mut: Ein Plädoyer der Open-Access-Beauftragten der TU Berlin

„Lieber auf Luftlinien balancieren als auf Dogmen sitzen“ ist ein Zitat der Künstlerin Lou Scheper-Berkenkamp, einstige Schülerin von Lyonel Feininger und Paul Klee. Für mich ein wunderschönes Wortspiel, welches gleichermaßen den Mut der Freiheit feiert, Grenzen zu überschreiten, als auch das freudige Gefühl, welches einen durchzieht, wenn man Unmögliches in Mögliches verwandelt hat. Die Forderungen unserer Zeit, fair, verantwortlich und gemeinwohlorientiert zu handeln, gelten nicht nur für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, sondern auch ganz konkret für uns Wissenschaffende. Eines der Dogmen, die uns dabei hindern, ist das Publizieren in Closed-Access-Fachzeitschriften und -Verlagen, die sich über Jahre und Jahrzehnte etabliert haben und mit hohen Journal Impact Factors (JIF) für wissenschaftliche Qualität und Exzellenz stehen und damit werben. Wissen, zu dem es jedoch nur begrenzten oder gar keinen freien Zugang gibt, bleibt elitär und im schlimmsten Falle leer.

Als Angehörige der TU Berlin haben wir aufgrund der Anstrengungen unserer Universitätsbibliothek heutzutage einen besseren Zugang zu den Closed-Access-Journalen, aber bis vor wenigen Jahren war die Situation eine andere. Ich kann mich noch gut an meine Zeit als TU-Doktorandin erinnern, in der ich keinen Zugang zu den meisten der Journale hatte und regelmäßig zu besser ausgestatteten Berliner Wissenschaftseinrichtungen pilgern musste oder Bittstellerbriefe an Autoren schrieb. Was für ein absurder Zustand! Nicht nur zeitlich uneffektiv, sondern auch zutiefst unbefriedigend, denn nur mit maximal der Hälfte meiner Wunschartikel kam ich wieder zurück an meinen Schreibtisch. Die Zeit während und nach meiner Habilitation verbrachte ich glücklicherweise in einer paradiesischen Welt: An der finanziell hervorragend versorgten Universität Leiden in den Niederlanden erlebte ich zum ersten Mal, was es bedeutet, freien Zugang zu Wissen zu haben. Dies bildete eine der wesentlichen Grundvoraussetzungen für meinen Erfolg als Wissenschaftlerin und meine Berufung an die TU Berlin.

Freier Zugang zu Wissen lässt sich heutzutage sehr einfach durch Publizieren in Open-Access-Journalen realisieren. Dies wäre nicht nur fair und verantwortlich, sondern auch gemeinwohlorientiert, denn Wissen kann sich nur in unseren Köpfen formieren, weil unsere theoretischen und experimentellen Arbeiten durch Steuergelder finanziert sind. Liegt es da nicht auf der Hand, dieses Wissen frei der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen? Doch hier behindern uns Dogmen dabei, dies zu tun: „Open-Access-Journale sind qualitativ weniger wert“, „Open-Access-Journale haben kein Peer Reviewing“, „Um in meiner Community zu bestehen, muss ich in bereits etablierten hochrangigen (und damit closed) Journalen publizieren“ …

Um die Freude zu spüren, wenn man auf Luftlinien balanciert, habe ich mich vor circa drei Jahren entschieden, Herausgeberin eines Open-Access-Journals im Bereich der mikrobiellen Biotechnologie zu werden. Natürlich wird die Qualitätssicherung durch ein international besetztes Editorial Board sowie ein rigoroses Peer-Review-Verfahren gesichert. Das neu gegründete Journal Fungal Biology and Biotechnology beging im Oktober 2016 seinen zweiten Geburtstag, und die Fakten sprechen für sich. Der (inoffizielle) JIF ist auf Augenhöhe mit Closed-Access-Journals meiner Community, die veröffentlichten Arbeiten werden dank Twitter und Facebook einer wesentlich größeren Allgemeinheit sichtbar gemacht und aufgrund dieser viel größeren Plattform werden die Artikel nicht nur unter Wissenschaftlern, sondern auch unter Akteuren der Politik, Gesellschaft und Kunst diskutiert.

Natürlich ist nicht alles rosig. Ich wünschte mir, dass mehr Manuskripte eingereicht werden, denn circa 50 Prozent der Einreichungen lehnen wir aufgrund mangelnder Qualität ab. Viele hochkarätige Wissenschaftler meiner Community zögern noch, ihre Arbeiten bei uns einzureichen. Es ist natürlich leichter, auf ein erfolgreiches Unterfangen (also ein etabliertes Journal) zu setzen als auf ein neues, noch im Werden begriffenes. Ich wünsche mir daher mehr Mut von meinen Kollegen und Kolleginnen und von allen die Erkenntnis, dass nicht der JIF entscheidend ist, sondern die Qualität des einzelnen Artikels. Es gibt hervorragende in Journalen mit geringem JIF und natürlich schlechte in High-Impact-Journalen.

Ich wünschte mir mehr Mut von meinen Kollegen und Kolleginnen, die zwar Open Access als solchen für eine gute Idee halten, aber noch zögern, in diesen Journalen zu veröffentlichen. Sie möchte ich mit Johann Wolfgang von Goethe werben: „… es ist nicht genug, zu wollen, man muss auch tun.“

Prof. Dr. Vera Meyer leitet das Fachgebiet Angewandte und Molekulare Mikrobiologie und ist seit März 2016 Open-Access-Beauftragte der TU Berlin. Der Artikel erschien am 17.02.2017 in der TU intern, in der gleichen Ausgabe finden Sie die Beiträge des TU-Präsidenten Prof. Dr. Christian Thomsen zur Open-Access-Strategie der TU Berlin („Wir werden Druck ausüben“) und des Direktors der Universitätsbibliothek über die Vorteile von Open Access für Bibliotheken (Mehr Sichtbarkeit für die Forschung – freies Wissen im Zentrum).

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