Fünf Fragen an … Barbara Budrich

Seit März 2018 steht den Wissenschaftler*innen der TU Berlin ein Fonds zur Förderung von Open-Access-Büchern zur Verfügung. Die Förderung von Open-Access-Büchern bedarf anderer Überlegungen als die inzwischen weitgehend etablierte Förderung von Aufsätzen in Open-Access-Zeitschriften. Es gilt, Open Access für Monografien und Sammelbände zu fördern und dabei die Breite der wissenschaftlichen Verlagslandschaft zu erhalten. Um mehr über die Haltung der Verlage zu Open Access zu erfahren, fragen wir Barbara Budrich vom gleichnamigen Verlag zu ihrer Motivation, ein Open-Access-Geschäftsmodell anzubieten.

Barbara Budrich (Foto: privat)

1) Liebe Frau Budrich, bitte stellen Sie uns Ihren Verlag in wenigen Sätzen vor. Was ist das Selbstverständnis Ihres Verlages?

Ich habe den Verlag Barbara Budrich 2004 als sozialwissenschaftlichen Fachverlag gegründet. Wir veröffentlichen Bücher und Zeitschriften, gedruckt wie digital, auf Deutsch und auf Englisch aus den Fachbereichen Erziehungswissenschaft, Gender Studies, Politikwissenschaft, Soziale Arbeit und Soziologie. Wir arbeiten mit der Prämisse, dass qualitativ hochwertige Forschung sowie Lehr- und Studienbücher für die Wissenschaft notwendig sind. Zudem sehen wir, dass „unsere“ Wissenschaften wichtige Erkenntnisse für eine breitere Öffentlichkeit bereithalten und bemühen uns, den Transfer aus der Wissenschaft in die Gesellschaft zu unterstützen. Weitere wichtige Arbeitsbereiche sind für uns das Begleiten der Internationalisierung unserer Fachbereiche sowie die Nachwuchsförderung.

2) Was bewegt Sie dazu, ein Open-Access-Geschäftsmodell anzubieten? Vor welchen Herausforderungen stehen Sie als Verlag hinsichtlich Open Access?

Nicht erst seit das BMBF die Open-Access-Richtlinie erlassen hat, bemühen wir uns, Open Access dort anzubieten, wo es gewünscht ist. Eine sehr frühe Publikation haben wir bereits kurz nach Verlagsgründung Open Access gestellt: Damals war dies die einzige pragmatische Möglichkeit, ein Buch in alter Auflage verfügbar zu halten, für das wir aus verschiedenen Gründen keine Neuauflage hätten anbieten können.

Für uns bedeutet Open Access eine Veränderung unseres Geschäftsmodells: Bislang tragen wir das Risiko, dass eine Publikation sich schlechter verkauft, als wir es kalkuliert haben. Wir nehmen nur bei Publikationen Druckkostenzuschüsse, bei denen wir vorab einschätzen können, dass wir über den Verkauf nicht genügend erlösen können, um die Kosten zu decken. Open- Access-Publikationen hingegen werden niemals Verkaufserlöse erwirtschaften – sie werden ja nicht verkauft. Deshalb müssen alle Kosten – von den Herstellkosten bis zu den Gemeinkosten, von den Kosten für Vertrieb (die auch ohne Verkauf selbstverständlich anfallen) bis hin zum Marketing – all diese Kosten müssen von Dritten gedeckt werden.

Der Verlag, zuvor ein Handelsunternehmen, das in Vorleistung geht und Geld vorlegt (daher kommt der Name Verlag), wird nunmehr zum reinen Dienstleister, in erster Linie abhängig von der öffentlichen Hand.

Das bedeutet auch, dass Projekte, die wir bislang angestoßen haben, für die wir Autor*innen oder Herausgeber*innen von unterschiedlichen Hochschulen, unabhängig von nationalen Grenzen gesucht haben, in dieser Form schwierig zu finanzieren sein werden. Jedenfalls dann, wenn sie im Open Access erscheinen sollen bzw. müssen.

Am schwierigsten stellt sich die Situation für unsere sozialwissenschaftlichen Fachzeitschriften dar: Während für naturwissenschaftliche Aufsätze Article Processing Charges pro Beitrag in Höhe von mehreren Tausend Euro gezahlt werden, bekommen wir zu hören, dass in etwa der gleiche Betrag pro Heft mit fünf und mehr Beiträgen (!) „sehr teuer“ sei, wenn es um die vollständige Open-Access-Transformation geht. Auf dieser Basis ist es für uns schlichtweg nicht möglich, die politisch gewünschte Open-Access-Transformation für Zeitschriften zu vollziehen.

3) Welche Möglichkeiten zum Open-Access-Publizieren haben Autor*innen in Ihrem Verlag? Welche Services bieten Sie Autor*innen im Bereich Open Access?

Auf Wunsch kann jede*r Autor*in gegen eine Gebühr im Goldenen Open Access publizieren – die Publikation kann also mit Erscheinen im Open Access verfügbar sein. Wir bieten diese Option für ganze Bücher, für Einzelbeiträge aus Sammelbänden und Zeitschriftenaufsätze.

Auch gibt es die Möglichkeit, die eigenen Publikationen im Grünen Open Access, also zeitversetzt zum ersten Erscheinen, zu veröffentlichen. Zurzeit sprechen wir unsere Autor*innen an, um sie auf diese Option aufmerksam zu machen.

Insgesamt gesehen ist die Nachfrage von Autor*innenseite in unseren Wissenschaftsbereichen allerdings relativ gering. Es gibt einige Institutionen, die auf Open-Access-Publikationen bestehen – und bislang haben wir uns gut einigen können, da unsere Preise für Book oder Article Processing Charges für Einzelpublikationen im unteren Bereich des Üblichen liegen.

Open-Access-Publikationen werden bei uns nicht anders behandelt als Publikationen, die wir über den Verkauf kalkulieren: Wir prüfen die Eignung für unser Programm, bieten mindestens ein Lektoratsgutachten oder ein vollständiges Lektorat. Wir beraten und begleiten die Autor*innen durch den gesamten Publikationsprozess, auch z.B. mit Blick auf die Vergabe der CC-Lizenzen usw. Wir kontrollieren Redaktionelles und Rechtliches, bieten an, das Innenlayout zu machen und kommen für die Umschlaggestaltung auf. Wir vergeben ISBN und DOI, bringen die Metadaten auf die branchenüblichen Wege; wir machen Vertrieb, sorgen für Sichtbarkeit und Auffindbarkeit, präsentieren Publikationen auf einschlägigen Büchertischen, organisieren den internationalen Vertrieb und vermarkten über Social Media Kanäle und die klassischen Medien, über Anzeigen, Webshops usw. Auch sorgen wir dafür, dass die Publikationen auf die Fach- und andere einschlägige Repositorien kommen.

4) Wie kalkulieren Sie Open-Access-Publikationen? Gibt es aus Ihrer Sicht Publikationen, die für Open Access besonders geeignet sind?

Wir tasten uns aktuell noch an die Open-Access-Kalkulation heran. Wir sehen, dass Forschung sich gut für Open Access eignet, wobei Fragen zum Datenschutz vor allem bei qualitativer, Audio- und Video-gestützter Forschung noch nicht ausreichend beantwortet sind.

Geeignete Open-Access-Publikationen sind derzeit häufig Publikationen, die ohne Druckkostenzuschuss nicht veröffentlicht werden könnten; der Zuschuss fließt dann gleich mit ein in die Open-Access-Gebühren. Aus unserer Sicht entsteht den Autor*innen kein Nachteil, weil wir ohnehin zusätzlich eine kleine Druckauflage herstellen. Es gibt also beides: Exemplare, die sich im Sinne der eigenen Karriereplanung in die Hand nehmen und verschicken lassen und den Link zum DOI, über den jede*r kostenfrei auf die digitale Ausgabe des Werks zugreifen kann.

Lehr- und Studienbücher würden sich insofern hervorragend für den Open Access eignen, als besonders Studierende dazu neigen, Dingen den Vorzug zu geben, wenn sie kostenlos sind.
Andererseits sind Lehr- und Studienbücher für uns – im Optimalfall – die Art von Publikationen, die gedruckt wie digital die sogenannte Mischkalkulation möglich machen: Besonders erfolgreiche Bücher dieser Art haben ein großes Absatzpotenzial und spielen Geld ein, das gebraucht wird, um andere Publikationen auf den Weg zu bringen, von denen wir schon ahnen, dass sie es rein wirtschaftlich gesehen, schwer haben könnten.
Die Gebühren, die wir für Lehr- und Studienbücher nehmen müssen, sind deutlich höher als im Bereich der Forschungspublikationen. Denn wir haben hier weit höhere Kosten für konzeptionelle Arbeiten, Lektorat, Satz etc. zu decken.

5) Was wünschen Sie sich von den Universitätsbibliotheken und Fördereinrichtungen in Bezug auf Publikationsfonds für Open-Access-Bücher?

Im Moment fehlt mir noch die Orientierung und ich würde mir entsprechende Transparenz wünschen.

Mir sind beispielsweise im Augenblick die Kriterien noch unklar, nach denen die Höhe von Open-Access-Gebühren bewilligt und wie diese Beträge dann zugeteilt werden. Und was passiert, wenn die Publikationsfonds nicht ausreichen: Nach welchen Kriterien werden Publikationsförderungen dann bewilligt? Wird es ein bundeseinheitliches System geben (im Föderalismus kaum denkbar)? Werden alle Wissenschaftler*innen – auch die prekär beschäftigen „Wissenschaftsnomad*innen“ – die Möglichkeit haben, Fördergelder zu beantragen? Gibt es Überlegungen, wie mit internationalen Autor*innen z.B. aus dem globalen Süden, mit Blick auf Open-Access-Optionen kooperiert werden kann?  Wie sehen die Fördertöpfe aus mit Blick auf die geschlossenen DEALs mit den Großkonzernen? Werden die DEAL-Gelder bei den Open-Access-Publikationen der Hochschulangehörigen fehlen oder sind die Budgets – auch dauerhaft – gut abgegrenzt? Wird es Budgets geben, um weiterhin auch Publikationen anzuschaffen oder wird angestrebt, den größten Teil des wissenschaftlichen Outputs – wie in „Plan S“ vorgesehen – in den Open Access zu überführen, sodass kaum mehr Anschaffungen möglich sein werden? Welche Möglichkeiten gibt es, hochschulübergreifend, auch international, zu fördern? Wie sind Neuauflagen zu bewerten?

Fragen über Fragen, die natürlich nicht von den einzelnen Publikationsfonds allein zu be- oder verantworten sind. Und doch sind dies nur einige wenige Fragen, die sich mir angesichts der ambitionierten Open-Access-Pläne stellen.

Vielen Dank für das Interview!

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