“Open Access ermöglicht eine schnelle und kostenfreie Verfügbarkeit aktueller Forschungsergebnisse.”

Dipl.-Ing. Anne Hartmann ist seit 2016 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hermann-Rietschel-Institut (HRI) der Fakultät III – Prozesswissenschaften an der TU Berlin tätig. Im Laufe des Jahres hat sie mehrfach gemeinsam mit ihren Kolleg*innen des Fachgebietes Gebäudeenergiesysteme das Repositorium DepositOnce für die Veröffentlichung von SARS-CoV-2-relevantenPreprints genutzt. Wir haben sie gefragt, wie es zu dieser Entscheidung kam und welche Rolle Open Access für ihren akademischen Alltag hat.

Foto: Doreen Grahl / Satz: Felix Funke, Alle Rechte vorbehalten

UB: Open Access ist ein strategisches Ziel der TU Berlin. Wie sieht das in Ihrem Forschungsalltag aus? Ist Open Access ein Begriff? In welchen Kontexten nehmen Sie Diskussionen zu Open Access wahr?

AH: Open Access hat vor SARS-CoV-2 in unserem Forschungsalltag eine eher untergeordnete Rolle gespielt. In den Projekten sind häufig zu wenige oder keine Mittel für Open-Access-Veröffentlichungen eingeplant und die Zeitschriften mit freier oder geförderter Open-Access-Veröffentlichung bekommen häufig sehr viele Zuschriften und eine Veröffentlichung ist schwierig. Aktuell werden sehr viele Veröffentlichungen als Preprints bereitgestellt. Das ist für einen schnellen Austausch sehr vorteilhaft. Es gibt aktuell aber auch einige Diskussionen über die Qualität von Preprints.

UB: Open Access hat den offenen Zugang zu wissenschaftlicher Information zum Ziel. Sie und Ihre Kolleg*innen vom FG Gebäudeenergiesysteme haben das TU-Repositorium mehrfach für die Veröffentlichung von Preprints genutzt. Wie kam es dazu?

AH : Wir führen derzeit sehr viele kleine Studien hinsichtlich der Abgabe und Ausbreitung von Aerosolen mit wenigen Proband*innen bzw. wenigen Varianten durch, deren Ergebnisse wir zeitnah zur Diskussion stellen wollen. Dafür eignet sich das TU-Repositorium für uns gut, da wir die Veröffentlichungen anschließend zitieren können, aber im Falle von Unstimmigkeiten auch problemlos und schnell Korrekturen online gestellt werden können.

UB: Gab es bisher konkrete Situationen in Ihrem Forschungsalltag, in denen Open Access hilfreich war?

AH: Aktuell werden aufgrund von SARS-CoV-2 sehr viele Ergebnisse hinsichtlich unseres Forschungsschwerpunkts Ausbreitung von Aerosolen als Preprints veröffentlicht. Dafür ist es sehr hilfreich, dass diese zeitnah zur Verfügung stehen und die häufig sehr kleinen Studien (mit z.B. wenigen Proband*innen) so in Summe ein größeres Bild ergeben und ein wissenschaftlicher Austausch möglich ist.

UB: Bis 2020 sollen laut Open-Access-Strategie des Landes Berlin mindestens 60 Prozent der Aufsätze in wissenschaftlichen Zeitschriften frei zugänglich sein. Erscheint Ihnen dieses Ziel sinnvoll? Was muss sich Ihrer Meinung nach verändern, damit dieses Vorhaben gelingen kann?

AH: Eine freie Verfügbarkeit von aktuellen Forschungsergebnisse ist sinnvoll, da nur so ein wissenschaftlicher Austausch auf Basis aktueller Ergebnisse stattfinden kann. Besonders in Bereichen mit schnellen Entwicklungen (wie z.B. aktuell im Bereich SARS-CoV-2) ist der Peer-Review-Prozess häufig sehr langsam und kostspielig. Häufig ist aktuell eine Finanzierung des Open Access in der gewünschten Zeitschrift schwierig bzw. nicht möglich, sodass es hilfreich wäre, wenn dieser Prozess einheitlicher und einfacher wäre.

Problematisch ist allerdings, dass Preprints kritisch beurteilt werden müssen, wofür notwendige Fachkenntnisse vorhanden sein müssen (besonders bei fächerübergreifender Forschung teilweise schwierig) und ihre Reichweite je nach Plattform sehr unterschiedlich ist.

UB: Kurz und knapp in einem Satz: Was finden Sie gut an Open Access?

AH: Open Access ermöglicht eine schnelle und kostenfreie Verfügbarkeit aktueller Forschungsergebnisse.

UB: Geben Sie uns zum Abschluss einen Einblick in Ihr Forschungsfeld für Disziplinfremde. Mit welchen Fragen und Erkenntnissen beschäftigen Sie sich?

AH: Wir beschäftigen uns mit der Ausbreitung luftgetragener Verunreinigungen in Räumen. Bisher lag unser Fokus auf Sonderbauten (z.B. Reinräumen und Operationsräumen). In Operationsräumen ist es entscheidend, dass keine Partikel in das Wundfeld gelangen, da auf diesen Partikeln Viren oder Bakterien transportiert werden und diese zu einer Wundinfektion führen können. Neben dem Verhalten des Personals spielt dabei auch die Belüftung eine Rolle.

Diese Vorkenntnisse übertragen wir aktuell auf die Ausbreitung von Aerosolen, die virenbeladen sein können. Dabei spielt vor allen Dingen die Belüftung von alltäglichen Räumen (z.B. Büroräume und Klassenzimmer) eine wichtige Rolle.

UB: Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person

Dipl.-Ing. Anne Hartmann hat in Dresden Maschinenbau mit Vertiefung Gebäudeenergietechnik studiert und ist seit April 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hermann-Rietschel-Institut (HRI), der Fakultät III – Prozesswissenschaften der TU Berlin. Zu ihren Hauptaufgaben gehört, neben dem Forschungsschwerpunkt Ausbreitung luftgetragener Verunreinigungen oder Aerosolen in Räumen, die Betreuung von Lehrveranstaltungen im Masterstudiengang „Gebäudeenergiesysteme“ sowie im Bachelorstudiengang „Architektur.“

Zu den weiteren Teilen der diesjährigen Interviewreihe:

Dr. Simone Wurster (FG Innovationsökonomie) „An Open Access schätze ich die barrierefreie Möglichkeit zur Verbreitung meiner Forschung und den eigenen Zugriff auf Fachartikel.“

Prof. Dr. Katja Ninnemann (Gastprofessur Corporate Learning Architecture) „Mit Open Access kann ein viel größerer Wirkungskreis in der Research Community erzielt werden.“

Prof. Dr. Søren Salomo (FG Technologie- und Innovationsmanagement) „Open Access sichert breiten Zugang zu aktuellen Forschungsergebnissen und ermöglicht schnelleren Transfer in echte Lösungen.“

Übersicht aller bislang in der Interviewreihe erschienenen Beiträge.

Ausstellung aller Open-Access-Statements auf dem Flickr-Profil der Universitätsbibliothek.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.